Die Musik aus Sicht des Komponisten
Alles Kunst oder was?
Was dem Automechaniker sein Werkzeug sind dem Komponisten die Noten. Wenn es doch nur so einfach wäre – Kunst gleich Handwerk – doch leider macht uns da die Wahrnehmung einen Strich durch die Rechnung. Denn ein Automobil, so bewegend es auch sein mag ist kein Kunstwerk, auch dann nicht wenn man den Erbauern Kreativität natürlich zu gestehen muß. Der Komponist steht immer vor der Frage warum ist denn meines Kunst und seines nicht, obwohl doch für beides Kreativität als Grundlage unabdingbar ist und bleibt. Der Unterschied ist folgender: ein Auto kann zwar die Phantasie beflügeln, ist aber in erster Linie ein Gebrauchsgegenstand. Dies gilt für ein Musikstück nur als zweitrangig, wenn überhaupt. Der Handwerker und der Erfinder eines Gebrauchsgegenstandes arbeiten im objektiven Bereich der Wahrnehmung, der Künstler im subjektiven. Der Komponist – um auf die Musik zurück zu kommen, obwohl das hier gesagte analog für jede Kunst stehen kann – bewegt sich immer am Rande der Objektivität. Seine Anliegen ist es das Objektive zu beschreiben und es in Beziehung zum Wahrnehmenden, also dem Subjekt, darzustellen. Auf dieser Grundlage kann der Künstler aber niemals etwas erschaffen, was einen objektiven, allgemeingültigen Wert darstellt. Darin besteht aber auch sein größtes Problem, denn er selbst nimmt sein Kunstwerk als etwas reales, objektiv vorhandenes wahr, will aber das Augenmerk des Betrachters (dies ist allgemein zu verstehen, schließt also den Zuhörer mit ein) auf das Objekt lenken, welches er mit dem Kunstwerk beschreiben will. Wenn also das Kunstwerk selbst eine für den Künstler objektive Existenz hat und das was er Beschreibt im objektiven Bereich zu suchen ist, dann ist das einzige was den Betrachter dazu in Beziehung setzt die Wahrnehmung des Kunstwerks durch den Betrachter. Der Betrachter eines Kunstwerks ist der subjektive Aspekt mit dem der Künstler arbeiten muss. Der Betrachter ist das Ziel, welche es zu erreichen gilt. Doch dieses Ziel ist eben durch seine Subjektivität fast unmöglich zu fassen. Dem entsprechend bewegt sich der Künstler immer an einem schmalen Grad zwischen Objektivität und subjektiver Wahrnehmung verfehlt er diesen - zur einen oder zur anderen Seite – so scheitert er vollständig. Die unendliche Vielfalt der Beziehungen zwischen dem Künstler und dem Betrachter macht aber Kunst erst möglich. Der Urgrund aller Kunst ist die menschliche Subjektivität, unser erkennen in uns selbst.
Der Künstler und sein Betrachter
Die Idee zu einem Musikstück liegt in der subjektiven Wahrnehmung des Künstlers. Was er beschreibt ist Teil seiner eigene Welt. Die Schwierigkeit besteht darin diese anderen zu vermitteln, sie dem Zuhörer zugänglich zu machen. Das was der Zuhörer dann daraus macht wird Teil der Welt des Zuhörers, entspringt aber zu gleichen Teilen der Welt des Komponisten und des Zuhörers. Die Idee, welche dem Zuhörer entfacht durch das Kunstwerk des Komponisten , entspringt, ist ohne die Ursache des Kunstwerks undenkbar. In der Welt des Zuhörers sind das Kunstwerk und seine eigene Welt verbunden. Dies jedoch gilt eben nur in dieser einen Richtung, denn dem Künstler bleibt die Idee des Zuhörers von seinem Kunstwerk verborgen. Er (der Künstler) kann, wenn überhaupt, nur zu einem Teil erkennen ob denn das was er auszudrücken bemüht war beim Zuhörer angekommen ist. Dies erklärt warum der Künstler den Beifall so dringend braucht. Der Beifall ist seine Bestätigung, das etwas beim Zuhörer angekommen ist, wenn der Künstler jedoch immer noch nicht sagen kann was dieses im Detail genau ist. Wie dem Zuhörer die ursprüngliche Idee des Künstlers auf immer verborgen ist, so ist dem Künstler die durch den Zuhörer gefolgerte Idee auf ewig verborgen. Es ist das große Spiel der menschlichen Wahrnehmung, die Welt, die wir uns in unseren Köpfen machen, ist unsere ganze Welt. Wir haben keinen Zugang zu einer anderen. Wir können auch nicht mehr über die Welt erfahren als genau das. Was dem Künstler wirklich vor Augen stand, als er sein Kunstwerk erschuf, ist nur Teil der Welt des Künstlers, jedoch wird es zum Keim einer Idee in einer anderen Welt, der des Betrachters nämlich. Dies macht ihre beiden Welten von einander abhängig, setzt sie zu einer Einheit zusammen, die nie existiert hätte, gäbe es das Kunstwerk nicht, auf das sich beide berufen können.
Der Künstler und sein Werk
Aus dem oben genannten folgen auch die bei Künstlern weit verbreiteten Selbstzweifel, da der Künstler sich nie über das Ergebniss beim Zuhörer sicher sein kann. Das Werk muss und soll für sich selbst stehen und dem Künstler bleibt nicht anderes übrig als zu sagen: “Ich lasse das zu.” Erkann nicht - um es mit mathematischen Begriffen zu beschreiben – auf die Linearität vertrauen. Es ist Nichtlinear. Vielmehr muss er wie beim Umgang mit nichtlinearen Gleichungen eine Unsicherheit über das Ergebniss zulassen und sich selbst zugestehen, das er keine Kontrolle über sein Kustwerk hat sobald er es veröffentlicht. Hier wird ein weiterer Unterschied zwischen Künstler und Handwerker deutlich. Der Handwerker und auch der Erfinder, haben am Ende ihres Schaffenswerkes vorhersagbare Ergebnisse stehen, der Künstler nicht. Das erschaffen eines Kunstwerkes aus Sicht des Künstlers lässt sich mit Kindererziehung vergleichen. Das Kind wird geboren und alles was den Eltern zu tun übrig bleibt ist dem Kind ihr wissen mit zu geben und ihm die Möglichkeit einzuräumen seinen Lebensweg selbst zu entwickeln. Vorgeben welchen Lebensweg das Kind nehmen wird können die Eltern nicht. Was das Kind aus dem Erlernten machen wird liegt nur sehr begrenzt in der Hand der Eltern. Dies ist eben auch das Merkmal des Künstlers in Bezug auf sein Kunstwerk. Was es bewirkt, wie es sich entwickelt und was andere daraus machen liegt nicht in der Hand des Künstlers. Am Ende muß der Künstler sein Kunstwerk sich selbst überlassen.